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Eine kinderfreundliche Verkehrspolitik steht beim »Kidical Mass«-Aktionstag ganz oben auf der Agenda. Foto: Schäfer © Schäfer

Gießener Anzeiger vom 07.05.2023

»Straßen sind für alle da«

  • von Rüdiger Schäfer

Bei der »Kidical Mass«-Demo in Gießen geht es um sicheres Radfahren für Kinder und mehr Verkehrsberuhigung an Schulen und Kitas. Dass sich Protest lohnt, wird ebenfalls deutlich.

Gießen. Weiter Druck machen, um für eine große Veränderung zu sorgen – nämlich für eine kinderfreundliche Verkehrspolitik und damit für mehr Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr. Darum ging es bei den bundesweiten »Kidical Mass«-Aktionstagen am Wochenende. Zumindest in Gießen ist das mit weit mehr als 150 Teilnehmern eindrucksvoll gelungen. Die Forderungen bei der einstündigen Auftaktkundgebung auf dem Kirchenplatz lauteten: »Straßen sind für alle da«, »Mehr Platz fürs Fahrrad«, »Sicheres Radfahren für alle«, »Verkehrsberuhigung um Kitas und Schulen«, »Mehr Platz für Kinder« und »Für ein Kinderfreundliches Straßenverkehrsrecht«.

Dass sich Protest lohnt, verdeutlichte Diana Schwaeppe am Beispiel der Wilhelmstraße. Dort parkten die Autos vor einem Jahr noch auf den Gehwegen, die eigentlich Fußgängern und kleinen Radlern vorbehalten sein sollten. »Aufgrund unserer Forderung an das Ordnungsamt« sei dieser Missstand beseitigt worden. Schwaeppe erinnerte daran, dass es überhaupt erst seit dem massenhaften Aufkommen von Autos auch Bürgersteige gebe.

Zur Sprache kam ebenfalls das Problem der »Elterntaxis« vor Schulen. Abhilfe könnte demnach die in mehreren Städten erprobte Strategie schaffen, zu den sogenannten Hol- und Bringzeiten der Schüler auf einer Länge von 500 Metern oder in einem sinnvollen Bereich um die Schulen herum die Straßen vom Autoverkehr »zu befreien.« Mit dem Konzept einer echten »Schulstraße« könne Schülern die Chance eingeräumt werden, sich selbstständig und sicher zur Schule zu bewegen. Das werde in Barcelona, Paris, Wien und Köln bereits praktiziert. »Warum nicht auch in Gießen? Als temporäre Aktion im Alten Steinbacher Weg.«

In der Fröbelstraße sei die Situation für die Grundschüler, die trotz des starken »Elterntaxi«-Verkehrs mit dem Fahrrad zur Schule fahren, nach wie vor miserabel. Sie müssten sich zwischen Hecke, Mülleimer, Sperrmüll und parkenden Autos hindurch quetschen. Hinzu komme, dass viele Autofahrer der Meinung seien, sie könnten dort »mit 50 Sachen und mehr rasen«. Dass dieses ganze Wohnviertel Zone 30 ist, scheine »ein Geheimnis« zu sein. »Oder es lässt sie völlig unbeeindruckt.« Deshalb ihre Appelle: »Runter mit den Fahrzeugen vom Gehweg!«, »Geschwindigkeitsmessungen«, »Einführung eines Einbahnstraßensystems mit Anlieger frei«, »Öffnung von Fröbel- und Pestalozzistraße für Zufußgehende, Rollerfahrende und radfahrende Kinder«. Dies solle 500 Meter um die Pestalozzischule herum zu den Hol- und Bringzeiten für mindestens eine halbe Stunde gelten. Autos dürften währenddessen nicht in diese Zone hinein. »So empfiehlt es sogar der ADAC für Schulen.«

Die Demo klang nach mehreren Stunden bei anregendem Austausch und einem Picknick am Schwanenteich aus.

Ganz kurz war die Kreuzung am Berliner Platz durch die Demo-Teilnehmer blockiert.	FOTO: CSK
Ganz kurz war die Kreuzung am Berliner Platz durch die Demo-Teilnehmer blockiert.
FOTO: © Christian Schneebeck

Gießener Allgemeine vom 20.09.2020

Demonstranten in Gießen kritisieren »Blitzer-Hotline«

  • von Christian Schneebeck

Bei der »Kidical Mass« ging es am Samstag auch um die Praxis von Radiosendern, Autofahrer vor Radarfallen zu warnen. Den Demonstranten gelingt eine Live-Schalte zur »Blitzer-Hotline« des HR.

Gießen (csk). Ohne Replik möchte der freundliche Herr nicht wieder auflegen. Ob er kurz antworten dürfe, fragt er, und ob da am anderen Ende der Leitung etwa gerade eine Kundgebung laufe. Ja, sowohl als auch, sagt der Fahrradaktivist Fusl. Also gut: Der Hessische Rundfunk melde Blitzer im Radio, »um sie psychologisch präsent zu machen«, erklärt der Mitarbeiter betont sachlich. Die rund 100 Teilnehmer der »Kidical Mass«-Demonstration am Samstag klingen wenig überzeugt. Sie buhen. Dass Sender ihre Hörer vor Radarfallen warnen, haben die Demonstranten auf Vorschlag von Diana Schwaeppe soeben lauthals als »Stuhlgang« bezeichnet. Fusls Handy trägt die Botschaft über die Blitzer-Hotline live vom Gießener Rathausvorplatz bis nach Frankfurt.

Statt Straßen blockieren die Aktivisten jetzt Telefonleitungen, könnte man meinen. Stimmt aber nicht ganz. Denn zunächst radeln sie auch diesmal knapp eine Stunde lang, begleitet von der Polizei und einem Non-stop-Klingelkonzert, kreuz und quer durch die Innenstadt. Beginnend in der Ludwigstraße geht es über Goethestraße und Anlagenring bis zur Sachsenhäuser Brücke. Dort hätten es Radfahrer und Fußgänger fast traditionell schwer, betont Schwaeppe. Am Ende der Brücke wird kollektiv gewendet – und schnurstracks der nächste Stopp bei der Galerie Neustädter Tor angesteuert.

Die »unechte Einbahnstraße«, über die hier nur Busse, Fahrräder und Lieferverkehr vom Oswaldsgarten aus einfahren dürfen, lobt Fusl als »echten Fortschritt« hin zu »mehr Aufenthaltsqualität«. Gleichwohl bleibe rund um den Marktplatz jede Menge zu tun. Vor allem der Parksuchverkehr gehöre verbannt. »Parkplätze abbauen« und »Parkplätze teurer machen« nennt Fusl zwei mögliche Ansätze. Generell fordern die Demonstranten »mehr Platz für Radfahrer« und »eine gerechte Umverteilung des Straßenraums«. Tempo 30 innerorts steht ebenfalls auf ihrer Liste.

Unerlässlich scheine ein weitaus dichteres Netz von Fahrradstraßen, meinen Fusl und Schwaeppe. Diese müssten so geplant werden, dass mindestens Schulen, Kindergärten, Arztpraxen und andere wichtige Einrichtungen schnell und gefahrlos auf zwei Rädern erreichbar seien. Schwaeppe hebt zudem die Perspektive der Kinder hervor: Eine »eigenständige Mobilität« sei für ihre Entwicklung essenziell. »Wir wollen, dass sich Kinder und Jugendliche in Gießen jederzeit sicher mit dem Fahrrad bewegen können.«
Unterwegs erhält die »Kidical Mass« immer wieder warmen Applaus. Viele Bürger scheinen zwar nicht genau zu wissen, worum es dem Pulk aus Rädern eigentlich geht. Manche schließen sich ihm aber auch spontan an, sodass er bis zum Rathaus permanent wächst. Über Walltorstraße, Nordanlage, Moltkestraße und Grünberger Straße erreichen die Demonstranten den Berliner Platz, wo sie eine Minute lang den Verkehr lahmlegen. Mit lautem Klingeln wollen sie die Autofahrer derweil für ihre Anliegen sensibilisieren.

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Auf ihrem Weg blockiert die „Kidical Mass“ auch kurz den Berliner Platz. ©csk

Gießener Allgemeine vom 25.08.19 19:00

Fahrrad-Ausflug mit Botschaft auf dem Gießener Anlagenring

  • von Christian Schneebeck

Bei der ersten Gießener „Kidical Mass“ haben am Samstag 100 Kinder und Erwachsene Verbesserungen für Radler gefordert. Sie machen auch konkrete Vorschläge.

Am Ende klingt das Hupen wie Zustimmung. Das gilt umso mehr beim Blick in die Gesichter vieler Autofahrer, die am Samstag kurzzeitig auf der Ostanlage feststecken. Für ein paar Minuten geht nichts am Platz der Deutschen Einheit, wegen Dutzender Fahrräder auf der Straße. Also schauen die Pkwler der ersten Gießener „Kidical Mass“ beim Demonstrieren zu.

Nicht Elektromobilität sei die Zukunft und genauso wenig der E-Scooter, erklärt Daniel Witt alias „Fusl“ gerade. „Wir müssen vom Auto aufs Rad!“ Das pedalisierte Publikum klatscht nicht, es klingelt. Und das motorisierte hupt – irgendwie schüchtern, als wolle es sagen: Ihr habt ja Recht, jetzt fahrt bitte weiter!

Ohne Zweifel ist das Anliegen der etwa 100 Demonstranten ernst. Aber wohl selten hat sich Protest so sehr wie ein sommerlicher Wochenendausflug angefühlt. Die Kinder-Fahrraddemo fordert konkrete Verbesserungen für Radfahrer im Straßenverkehr. Angelehnt ist sie, nicht bloß namentlich, an die „Critical Mass“-Formate, bei denen große Gruppen durch Städte radeln, um auf ihre Interessen aufmerksam zu machen. Am Samstag startet die Aktion vor dem Uni-Hauptgebäude, Ziel ist der Stadtpark Wieseckaue. Dort wartet zum Abschluss ein gemeinsames Picknick. Vorher genießt man jedoch die Tour rund um den Anlagenring, mit Zwischenstopps und bester Laune.

„Manchmal ist das Leben ganz schön leicht / Zwei Räder, ein Lenker und das reicht“, säuselt unterwegs Max Raabe aus dem mobilen Lautsprecher. „Manchmal läuft im Leben alles glatt / vorausgesetzt, dass man ein Fahrrad hat.“ Zwischen Lied und Realität klaffe freilich eine Lücke, so die Botschaft der Demo. Denn in Gießen laufe es besonders mit Rad eher selten glatt. Beispiel Goethestraße: Sie hätte längst Fahrradstraße sein müssen, sagt „Fusl“. Und Beispiel Dammstraße: Der „hoch gelobte“ Dammdurchstich bringe wenig, wenn Radler kaum gefahrenfrei hinkämen, kritisiert Ex-„Stadtradeln“-Star Matthias Matzen. Beim Radverkehr werde zu selten in Netzen gedacht.

Einen Mentalitätswandel mahnt hingegen Stergios Svolos an. Auf der Westanlage, direkt vor der Goetheschule, beginnt er seinen Appell mit einer Portion Selbstkritik. „Früher haben mich meine Eltern überall mit dem Auto hingefahren“, erzählt der Stadtschulsprecher. Ihm sei „einfach nicht klar“ gewesen, was er „mit einem solchen Verhalten verursacht“ habe: verstopfte Straßen, dreckige Luft, kippendes Klima. Heute nehme er meist das Fahrrad, betont Svolos. Eine ähnliche Haltung wünsche er sich für jeden Gießener: „Wann werden wir alle aufwachen und uns der Verantwortung stellen?“

Dass dringend etwas für den Fahrradverkehr getan werden müsse, sei auch jenseits der City unübersehbar, meint derweil Sebastian Liebrich. Mit einem ganz speziellen Gefährt, auf dem ein Kind vor dem Lenker logiert und eines hinten im Anhänger mitstrampelt, bereichert der Friedelhausener den Demozug. Lollar, sagt er, sei für Radfahrer „noch viel schlimmer“ als Gießen. Schon der Weg zur Schule wirke mitunter „lebensgefährlich“.

Ernste Töne, trotz aller heiteren Radtour-Stimmung. Nach einer Stunde biegt die Masse in den Stadtpark ein. „Fusl“ spricht ein paar Worte zum Abschluss, jemand präsentiert die Kampagne „Gießen 2035Null“. Sie gehört ebenso zu den Unterstützern der „Kidical Mass“ wie der Allgemeine Deutsche Fahrradclub, das Allmende Lastenrad Projekt, Greenpeace, der Verein Lebenswertes Gießen, der Verkehrsclub Deutschland und der Weltladen. Dann hat das politische Engagement Pause. Es gibt Kuchen und Snacks.